Kriminalschriftstücke -
Ein außergewöhnliches Sammelgebiet
Ausgelöst durch eine Reihe berufsbedingter persönlicher Begegnungen mit Akteuren aus der realen Welt des Verbrechens arbeite ich unter der Bezeichnung "Kriminalschriftstücke" seit einigen Jahren an einer Spezialsammlung von Hand-/Unterschriften, die von (mehr oder weniger bekannten) Kriminalitätsopfern, Straftätern, Ermittlern etc. stammen. Dementsprechend interessieren mich prominente Kriminalschriftsteller oder berühmte Filmkommissare hier eher nur am Rande.
Einige wenige Beispiele aus diesem mitunter recht schwierigen Sammelgebiet will ich hier präsentieren. Schwierig ist es deshalb, weil nicht jeder Akteur schreibbereit ist (dies gilt insbesondere für die Opferseite), aber auch, weil man als Sammler bei so manchem Namen (z.B. Massenmörder oder Opfer mit fürchterlichen Erlebnissen) doch eher zurückschreckt und darauf lieber verzichtet (dies gilt vor allem, aber eben nicht nur, für die Täterseite). So habe ich zahlreiche Stücke denn auch nur durch reinen Zufall erhalten.
In diesem Zusammenhang möchte ich noch kurz zwei Aspekte ansprechen, nämlich die "moralische" Dimension und die Frage, welche Akteure sich grundsätzlich in diesem Sammelgebiet anbieten.
Zur "Moral": Selbstverständlich kann und darf man ebenso wie sympathische oder positive Figuren (populäre Politiker, Stars aus Film, Musik, Sport etc.) auch politisch umstrittene, kriminelle oder ganz eindeutig verabscheuungswürdige Gestalten wie z.B. Diktatoren, NS-Politiker oder Terroristen sammeln – wohlgemerkt, man darf und kann, muß aber nicht. Man würde diesem vielschichtigen Hobby keineswegs gerecht werden, wenn man es nur mit Kategorien wie Fan-Faszination, Sympathie oder gar Moral zu fassen versuchen würde.
Weil ich diese falsche bzw. doch sehr verengte Sichtweise immer wieder bei jüngeren Sammlerkollegen und zuweilen auch bei Journalisten antreffe, will ich hier einmal ganz klar zwei Beispiele bringen: Wer Deutschlands Staatschefs und Kanzler sammelt, kommt weder an Kaisern, Hitler oder Honecker, noch an Brandt oder Kohl vorbei (und wählt selbst womöglich FDP oder die Grünen). Und wer z.B. die Geschichte des internationalen Terrorismus auch anhand von Schriftzügen dokumentiert, muß sich nicht nur auf Opfer beschränken, sondern darf auch Täter wie den brutalen Mehrfachmörder Carlos oder Ex-RAF-Mitglieder einbeziehen (und ist selbst vielleicht als Pfarrer, Pädagoge oder Staatsanwalt tätig).
Bei der Frage, "wen" man im Sektor der Kriminalautographen alles sammeln kann, sind einem eigentlich keine Grenzen gesetzt. Grundsätzlich bieten sich drei Kategorien an:
Zum einen natürlich Verbrechensopfer jeglicher Art.
Zum zweiten Ermittler und sonstige Akteure wie z.B. berühmte Kriminalisten, Kriminologen, Richter, Staatsanwälte und Strafverteidiger, "Mafia-Jäger", "Nazi-Jäger", TV-Fahnder, Generalbundesanwälte, Präsidenten von Sicherheitsbehörden (BKA, BND, Verfassungsschutz), GSG-9-Kommandeure, Justiz- und Innenminister etc.
Drittens schließlich die Täter: Mörder, Attentäter, Räuber, Betrüger, Entführer, Erpresser, Fälscher, Spione, Terroristen, Diktatoren, Kriegsverbrecher, NS-Kriminelle, Mafia-Chefs, prominente Straftäter aus Film, Politik, Sport usw.
Bei dieser Kategorisierung ist allerdings zu beachten, dass je nach Politik- und Rechtssystem die Grenzen zwischen (tatsächlicher bzw. empfundener) Täterschaft und Opferschaft zuweilen fließend sein können. Hierzu abschließend zwei Beispiele aus der Welt der deutschen Nachrichtendienste (beide Spione sind in meiner Sammlung vertreten):
Als "Agent 146" fuhr Erich Gimpel 1944 vollbepackt mit Waffen und Geld mit U-Boot 1230 von Kiel an die US-Küste. Sein Auftrag: Ausspionierung, besser noch Sabotage des US-Atombombenprojekts. Noch im gleichen Jahr wurde er in New York von einem mitgereisten Helfer verraten und zum Tode verurteilt (jedoch nicht vollstreckt). Als er nach 11jähriger Haft nach Deutschland ausgewiesen wurde, feierte man ihn als "Meisterspion des Krieges" in den Medien und auch auf der Kinoleinwand.
Günter Guillaume, ein DDR-Spion in der SPD, brachte es sogar bis zum persönlichen Referenten von Bundeskanzler Willy Brandt und verursachte 1974 dessen Rücktritt. Nach seiner Haftstrafe und Rückkehr in die DDR 1981 wurde er als Friedenskundschafter und Vorzeige-Held der Stasi, als Erfolgsautor und Ehrendoktor gefeiert.