Faszination Autogramme und Autographen

Von jeher besonders begehrt: Autogramme von Filmstars,
hier Lilian Harvey und Gustav Fröhlich (20er Jahre)
Das Sammeln von Autogrammen und sonstigen handschriftlichen Aufzeichnungen, den sogenannten Autographen, hat in Deutschland eine lange Tradition. So sind die ältesten privaten Sammlungen von Hand- und Unterschriften hierzulande immerhin seit dem 16. Jahrhundert bekannt.
Die Motive für diese faszinierende Leidenschaft sind damals wie heute vielfältiger Natur. Manche Sammler haben allgemeines Interesse an Schriftstücken aller Art. Andere wie z.B. Archive oder Wissenschaftler sammeln mehr zu speziellen Dokumentations- und Forschungszwecken.

Von Filmfans umringt:
Marlene Dietrich in den 30er Jahren
Doch bei den allermeisten Sammlern ist es vor allem der große Spaß- und Entspannungsfaktor, der mit diesem Hobby verbunden ist: Es ist die Freude am Zusammentragen und Betrachten sogenannter Lebensspuren bedeutender Persönlichkeiten, wie es das Universalgenie Goethe, ein überaus aktiver Schriftensammler, einmal zutreffend genannt hat. Man kann es auch einfacher ausdrücken: Es ist schlicht der Spaß an der "Jagd" auf die Prominenz, den sich nicht wenige Sammler regelmäßig gönnen.

Hans Albers mit jungen und älteren
Sammmlern in den 50er Jahren
Die gängigen Methoden der Sammler sind seit ewigen Zeiten gleich geblieben. Autographische Lebensspuren von Verstorbenen lassen sich im einschlägigen Handel, durch Tauschgeschäfte oder allerlei glückliche Zufälle wie z.B. Schenkungen bekommen. Bei lebenden Zeitgenossen treten zwei beliebte Formen des Direktsammelns hinzu. Zum einen die schriftliche Korrespondenz und zum anderen die persönliche Begegnung mit Prominenten.

Auch auf der Straße gehört das Autogrammeschreiben zum
Alltag eines Stars - nochmal Hans Albers in den 50er Jahren
Auch bei der Frage nach der inhaltlichen Ausrichtung einer Sammlung gibt es zwei grundsätzliche Strategien. Den Themensammler interessieren vornehmlich Akteure aus einem oder einigen wenigen Gebieten: Politiker, Nobelpreisträger, Filmstars, Olympiasieger, Schriftsteller, Rock-/Popmusik etc. Selbst so exotische Spezial-Gebiete wie Massenmörder, Titanic-Überlebende, Karnevalsprinzen, Tatort-Kommissare oder Comic-Zeichner sind in manchen Kollektionen vertreten. Ebenso gibt es Spezialsammlungen, die sich ausschließlich auf von prominenter Hand signierte Speisekarten oder beschriebenes Hotel-Briefpapier konzentrieren. Und so mancher berühmte Mensch hat sich schon nachdenklich am Nacken gekratzt, wenn ein Sammler ihn um ein Foto mit Unterschrift bat, auf dem zugleich auch ein Tier, ein Telefon oder eine Pfeife zu sehen ist.

Seit den Sissi-Filmen der 50er Jahre populär:
Romy Schneider & Karlheinz Böhm
Von diesen Themen- und Spezialsammlern sind die Universalsammler zu unterscheiden. Sie interessieren sich grundsätzlich für alle, die es in irgendeinem Bereich unserer Gesellschaft zu Rang und Namen gebracht haben. Am beliebtesten sind hier signierte Fotos und handschriftliche Eintragungen in Widmungsalben und Gästebücher. Doch auch sonst kennt die Sammlerphantasie keine Grenzen: unterschriebene Eintrittskarten und Veranstaltungsprogramme, signierte Gitarren und Sportgeräte, mehrseitige Vortragsmanuskripte und dicke Briefkonvolute. Selbst alte Tagebücher und ausgediente Reisepässe von Prominenten haben schon ihren Weg in private Kollektionen gefunden.

Romy Schneider mit Maria Schell
mit Sammlern in den 50er Jahren
Wenn auch jeder Schriftenliebhaber und Autogrammjäger letztlich seine individuellen Motive, Methoden und Schwerpunkte hat, kann ich zumindest für die ca. 150 privaten Kollektionen, die ich in den letzten 34 Jahren betrachten konnte, sagen: Interessant waren sie mehr oder weniger alle! Dies gilt in besonderer Weise auch für eine Reihe von Gästebüchern, die ich am Rande von Hotel-Aufenthalten einsehen durfte. Hier faszinieren mich vor allem solche Alben, die von den Hoteliers oft über mehrere Generationen und Jahrzehnte hinweg im Sinne klassischer Universalsammlungen gepflegt wurden bzw. nach wie vor werden. Auch in meiner eigenen Sammlerlaufbahn haben sich insbesondere Hotels bzw. Restaurants regelmäßig als äußerst ergiebige Quellen erwiesen. So ist kaum ein anderer zentraler Ort denkbar, an dem jeden Tag auf's neue unzählige persönliche Begegnungen zwischen Prominenten und Sammlern möglich sind.

Wer kommt als nächstes
ins Hotel? (1985)
Meine Leidenschaft begann an einem Sonntag des Jahres 1972, als ich auf dem Gelände eines Schloßhotels in Gelsenkirchen-Buer mein allererstes Autogramm bekam: von Günter Siebert, damals Präsident des FC Schalke 04. Tags zuvor war Schalke Deutscher Pokalsieger geworden und wurde nun von der Stadt mit einem offiziellen Empfang geehrt. Nach wenigen Minuten hatte ich die Mannen um Trainer Horvath und Kapitän "Stan" Libuda komplett, allesamt auf Notizzetteln aus der mütterlichen Handtasche.
An jenem Tag fand somit ein damals 9jähriger Spaziergänger durch puren Zufall zu einer Leiden-schaft, die ihn bis an sein Lebensende nicht mehr loslassen wird. So dürfte ich seit 1972 wohl mit über 1000 bekannten Persönlichkeiten aus Politik, Film, Musik, TV, Sport etc. zusammengetroffen sein, wobei über 50% derartiger "in-person-dates" in Ruhrgebiet-Hotels und im Bonner Regierungsviertel stattfanden.

Jetzt erst eben zum Brandt oder
doch erst zum Strauß? (1986)
Seit langem stehe ich darüber hinaus mit zahlreichen Prominenten auch in schriftlichem Kontakt und zähle zudem eine Vielzahl von passionierten Sammlern, aber auch seriösen Autogrammhändlern und Autographen-Auktionatoren zu meinem Bekanntenkreis. Mein Sammlungsschwerpunkt ist seit nunmehr rund 34 Jahren die Geschichte des FC Schalke 04, d.h. von der Vereinsgründung im Jahre 1904 bis in die Gegenwart hinein. Mit den ehemaligen Fußball-Nationalspielern Herbert Burdenski und Rolf Rüssmann waren prominente Schalker mehrfach bei mir privat zu Besuch, um die Sammlung zu besichtigen. Daneben interessieren mich auch Schriftstücke aus dem Kreis der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bzw. anderer Vereine sowie aus der deutschen Politik. Außerdem hege und pflege ich je nach Lust und Laune mal mehr, mal weniger intensiv noch drei weitere Spezialsammlungen: Zum einen prominente Zeitgenossen aller Bereiche, da ich auch zahllose Künstler (also Schauspieler, Showstars usw.), Sportler und auch Schriftsteller traf. Zum zweiten Hitlers Bunker-besatzung bei Kriegsende: Mein allgemeines historisches Interesse an dieser "Chaos-Truppe" wurde durch persönliche Gespräche mit Albert Speer (Reichsminister) und Frau Hanna Reitsch (Flugkapitän) verstärkt.
Und schließlich: Kriminalautographen, also Signaturen bzw. sonstige Schriftstücke von Opfern, Tätern, Spionen, Ermittlern etc.
Entsprechende, teilweise auch studien- bzw. berufsbedingte Begegnungen hatte ich z.B. mit:
Peter Lorenz (überlebendes Entführungsopfer von Terroristen),
Heribert Hellenbroich (sowohl Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz und des Bundes-nachrichtendienstes),
Generalbundesanwalt Rebmann,
BKA-Präsident Zachert,
Verfassungsschutzpräsident Boeden,
dem GSG-9-Gründer und Mogadischu-Befreier General Wegener oder auch Star-Verteidiger Rolf Bossi.
Auch bei den beiden letztgenannten Spezialkollektionen sieht man, daß umstrittene, kriminelle oder ganz eindeutig verabscheuungswürdige Gestalten wie NS-Politiker oder Terroristen ebenso wie sympathische oder positive Figuren gesammelt werden können und man diesem vielschichtigen Hobby keineswegs gerecht werden würde, wenn man es nur mit Kategorien wie Fan-Faszination, Sympathie oder gar Moral zu fassen versuchen würde.